Grundlegende Beziehungsprobleme

Beziehungsprobleme sind weniger Schicksal als Ergebnisse von Wechselwirkungen

Meine berufliche Erfahrung bringt es mit sich, dass mir bestimmte Probleme immer wieder begegnen.

Freilich werden sie von verschiedenen Menschen in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen vorgetragen.

Interessant aber ist das, was den Situationen vorausgeht, die als problematisch erlebt und beschrieben werden – bzw. umgekehrt.

In der Regel bezeichnet jemand einen Umstand als problematisch – und ab diesem Moment ist er das tatsächlich. Nehmen wir die Tatsache, dass in einer bestimmten Beziehung eine Frau gerne ins Museum geht, der Mann aber eher ins Fußballstadion.

Ist das ein Problem?

Niemals.

Zum Problem erklärt werden kann es nur, wenn in der Beziehung eine eherne Regel aufgestellt oder unterstellt wurde:

„Wir machen grundsätzlich und immer alles gemeinsam.“

Unter diesen Voraussetzungen kann es nur als Problem erlebt werden, wenn sie nicht zum Fußball mitgeht und er nicht in die Bilderausstellung.

Wird der merkwürdige, realitätsferne Grundsatz des Aneinanderklebens aufgegeben, können es beide in der Beziehung als Bereicherung erleben, wenn sie eigene Interessen und Beschäftigungen haben und diesen auch Zeiten widmen.

Die Überfrachtung von Partnern

In vielen Paarbeziehungen kommt es regelmäßig zu erheblichen Überforderungen des Beziehungspartners.

  • Du sollst mich glücklich machen.
  • Ich gebe meinen Job für die Ehe auf (ohne Ausgleich zu einem späteren Zeitpunkt).
  • Wir soll(t)en niemals streiten
  • Ich will, dass Du von meiner Meinung überzeug bist.

Die Selbstverständlichkeitsfalle

Sie halten von sich selbst bzw. Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner Zuwendung und Zeit für selbstverständlich?

Sehen Sie sich mal genau an, was alles im Spiel ist, wenn …

  • eine/r von Ihnen zum Tanken fährt,
  • das Auto in die Waschanlage fährt
  • die Kinder zum Sport bringt
  • den Einkauf erledigt
  • sich hinsetzt und todmüde die Bürogeschichte anhört
  • die Wäsche macht
  • bei den Hausaufgaben sitzt
  • mit der Lehrerin telefoniert
  • zum Elternabend geht
  • sich ins Sportstudio aufrafft, um etwas für die Gesundheit zu tun
  • das Hemd bügelt
  • den Rücken freihält
  • an den Hochzeitstag denkt
  • an den Geburtstag der Schwiegermutter denkt
  • kein Wort mehr über die letzte Auseinandersetzung verliert

Setzen Sie diese Liste für Ihren Haushalt, für Ihre Beziehung fort. Und dann lesen Sie sie langsam durch. Und fragen sich:

Habe ich das bis jetzt wirklich alles für selbstverständlich gehalten?

Wenn ja, wird es höchste Zeit, danke zu sagen.

Ja, bitte auch sich selbst danke sagen.

In vielen Beziehungen sind die Partner darauf aus, dem anderen zu helfen, ihn zu entlasten.

Oft ist das mit der insgeheim Hoffnung verbunden, eines Tages würde dann schon ein großer Ausgleich kommen.

Doch der erhoffte Ausgleich kommt nicht. Weil so viele Menschen in der Selbstverständlichkeitsfalle stecken. Das Tückische am Selbstverständlichkeitstrott ist, dass wir sehr schnell Ansprüche geltend machen wollen, wenn das für selbstverständlich Gehaltene einmal nicht geliefert oder geleistet wird.

Im ausnahmsweisen Auslassen einer Selbstverständlichkeit wird das Besondere offenbar

Veränderungsvorschlag

Verabreden Sie sich mit Ihrer Partnerin / Ihrem Partner auf ein Spiel.

Vereinbaren Sie, dass Sie eine Woche lang etwas nicht tun, was Sie bisher wie selbstverständlich gemacht haben. Etwas, worüber keiner ein Wort verloren hatte, was aber durchaus der Rede wert ist. Eben etwas, das in der letzten Zeit untergegangen ist im Alltag.

Sie sagen Ihrem Partner natürlich nicht, was Sie weglassen werden. Das Spiel geht so: Sie schreiben die Handlung oder Rede – was auch immer Sie für eine Woche weglassen – auf einen Zettel, stecken diesen in einen Briefumschlag und kleben ihn zu.

Beide haben nun eine Woche Zeit, herauszufinden, was der Partner in dieser Woche nicht macht. Wer zuerst entdeckt hat, was ihm bzw. ihr fehlt, hat einen Wunsch frei. In der kommenden Woche wird das Spiel wiederholt.

Ziele und Ergebnisse dieses Spiels

  • Das erste, kurzfristige Ziel dieses Verzichtspiels ist es, die eigenen Sinne für das zu schärfen, was Sie im Alltag sonst wie selbstverständlich empfangen, nehmen, irgendwie konsumieren.
  • Das langfristige Ziel ist es, dass Sie immer aufmerksamer für das werden, was Sie füreinander – ja, auch – leisten. Wenn ich etwas aus Liebe tue, ist es deswegen natürlich nicht weniger anstrengend. Es fällt zwar leichter, mit Liebe etwas zu arbeiten, doch Arbeit ist Arbeit, Mühe ist Mühe.
  • Ebenfalls zu den Zielen gehört es, dass Sie mit sich selbst in gerechter und freundliche Weise umgehen. Oder finden Sie es einladend, den Partner mit einem Gesicht zu empfangen, aus dem spricht: „Ich habe viel zu wenig geschafft heute“?